Kann die Schul-Mathematik überleben?
Etwas provokativ formuliere ich die Frage, da ich aufgrund eines Bildes eines Bekannten (Herzlichen Dank an dieser Stelle) mir so meine Gedanken gemacht habe.
Die Schulmathematik verkommt meines Erachtens immer mehr zum reinen Auswendiglernen und “Durch-Exerzieren” von vorgefertigten Rezepten. Die Kreativität und Neugierde bleibt irgendwie auf der Strecke, kommt mir vor. Dabei nehme ich keinesfalls meinen Unterricht aus, aber die Realität zeigt mit dass Schüler wie Lehrer gerne “Kochrezepte” haben bzw. anbieten.
Es wird meines Erachtens noch immer – die Gründe sind natürlich vielfältig – auf “technische” Aspekte Wert gelegt. Unter “technisch” verstehe ich zum Beispiel (stupides) Lösen von Gleichungen und Termumformungen, Ableitungen bilden oder händisches Lösen von Gleichungssystemen. Selbstverständlich sind diese Fertigkeiten wichtig und müssen im Unterricht behandelt werden, aber das Ausmaß ist mir zu hoch!
Ein kleiner Vergleich: Vor ca. 40 Jahren musst jeder mit Logarithmentafeln oder Rechenschieber arbeiten und mühsam die Wurzeln berechnen. Seit der Taschenrechner in den Mathematikunterricht Einzug gefunden hat, haben die (meisten – wenn nicht alle) Schüler keine Ahnung, wie man die Wurzel aus 42 händisch berechnet.
So ähnlich aber auf einem anderen Niveau sehe ich die Schulmathematik heute: Ich komme in schwere Erklärungsnot, wenn ein Schüler fragt, wieso er in einer Stunde eine Kurvendiskussion durchführt, die ein PC in nicht einmal einer Sekunde schafft. Das Argument des “Verständnisses” lasse ich dabei nicht zählen, denn wie viele SchülerInnen verstehen eine Kurvendiskussion wirklich? Ist es nicht so, dass es doch auch wieder zu einem “Rezept” verkommt? (Nullstellen f(x) = 0, Extremstellen f’(x) = 0,…)
Meine Forderung (an das System, an die Lehrer und speziell an mich!) lautet daher: Setzen wir doch die uns zur Verfügung stehende Technologie wieder als Werkzeug im Unterricht ein, so wie dies auch beim Taschenrechner schon so selbstverständlich passiert. Holen wir die Schulmathematik doch ins 21. Jahrhundert.
Natürlich kommen die Aufschreie: “Die können ja nicht mal mehr 3 mal 9 im Kopf rechnen!”, doch ich bin der Meinung, dass es Ziel sein muss, einem Schüler zu erkennen zu geben, wann verwende ich Technologie und wann ist es absolut überflüssig! Die SchülerInnen sollen ein “Gespür” für den richtigen und sinnvollen Einsatz bekommen.
Wenn ich an dieser Stelle nur kurz GeoGebra als Beispiel hernehme, das in (fast) allen Bereichen der Schulmathematik nicht nur zu Demonstrationszwecken eingesetzt werden kann, sondern auch wirklich als einfaches Arbeitswerkzeug dient, so bin ich der Meinung, dass ein auf Verständnis aufgebauter Unterricht damit gut gelingen kann.
Diese Forderung macht natürlich einige Dinge sehr “kompliziert”. So können zum Beispiel so genannte “Standardbeispiele” nicht mehr zu Tests, WH und Schularbeiten gegeben werden, denn wenn es nur mehr um die Berechnung eines Wertes geht, dann geht es schlussendlich um die Eingabe in den Taschenrechner oder Computer und nicht mehr um die Mathematik oder gar ums Verständnis. Beispiele wie aus der Wahrscheinlichkeitsrechnung wie “Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit beim Lotto 6 aus 45 einen 4er zu haben?”, werden mit Technologieeinsatz zum einfachen Eintippen von 3 Zahlen.
Mein Wunsch wäre, viel mehr über die Mathematik zu diskutieren, zu analysieren, Beispiele zu modellieren, zu interpretieren. Auch wenn diese Forderungen in einem Lehrplan stehen, so schauen die Mathematikbücher leider ganz anders aus! (Und erst die Schularbeiten und WH)
So hoffe ich stark auf die Zentrale Reifeprüfung, die sich (bis auf die organisatorischen Hürden) in diese Richtung entwickeln könnte.
Meiner Meinung nach kann die Schulmathematik nur dann überleben, wenn sie viel (wenn nicht sogar alles) vom verstaubten alten Mathematik-Image ablegt und sich an der Lebenswelt der Schüler wieder orientiert. Und dies kann in meinen Augen nur durch eine Hinwendung zum Technologie-Einsatz erfolgen, wodurch langatmige Berechnungen und sinn-lose Rechenverfahren durch problem- und verständnisorientierten Unterricht ersetzt werden.



