Wieder mal nehme ich mir Zeit um eine grundlegende Frage zu stellen, die mich seit dieser Woche wirklich sehr beschäftigt. Ich möchte behaupten, dass ich in Österreich wahrscheinlich zu den 1000 “modernsten” Lehrern gehöre, die moderne Technologie in ihrem Unterricht in diesem Maße einsetzen, wie ich das betreibe! Nicht nur dass ich fast jede Mathematik-Einheit mit GeoGebra arbeite, sondern besonders mein Konzept des digitalen Schulübungsheft für alle meine Klassen mithilfe des genialen Microsoft OneNote lässt mich dies glauben.

Jedoch stellt sich bei mir die kritische Frage: Wie viel digitale Zukunft ist in der Schule derzeit überhaupt möglich? Bzw.: Ist es überhaupt möglich und sinnvoll, modern(st)e Technologien in die Schule zu bringen?


Grundausstattung und IT-Infrastruktur

Erstens wäre da mal die Grundausstattung der Schulen ein wichtiger Punkt. Ich bin ja Gott-sei-dank in einer “modernen” Schule, wo ich in jeder Klasse mit Beamer und Netzwerk versorgt bin, doch dies dürfte im Allgemeinen ja nicht der Fall sein.
Aber wenn ich so durch die PC-Räume und Infrastruktur durchschaue, dann bemerke ich doch einen großen Aufholbedarf, um mit moderner Technologie mithalten zu können! Mit Sicherheit lässt sich sagen, dass technikaffine Schüler nicht nur ein, sondern zwei Hardware-Generation der Schule voraus sind! Außerdem ist ein Beamer und Netzwerk auch schon wieder Stand der 1990er Jahre und Neuerungen kommen nur sehr langsam ins Klassenzimmer. Von Tablets und “mobile learning” ist die Rede, doch bis das die Mehrheit (!) der Schüler erreicht, ist ein weiteres Jahrzehnt vergangen.

Natürlich ist das eine Frage des Geldes, doch der Anspruch, unsere Schüler auf eine Zukunft vorzubereiten, ist enorm hoch, wenn man in der Schule mit einem 10 Jahre alten Betriebssystem arbeiten muss. Investitionen werden in diesem Bereich nur spärlich getätigt, da es hier ja um hohe Geldsummen geht.
Besonders interessant finde ich in diesem Zusammenhang den Aspekt, dass ich ja mit meinem privaten PC in der Schule arbeite und ich mir diesen Ding privat finanziert habe.

Deswegen meine Frage: Hat die digitale Zukunft in der Schule genügend Unterstützung? Oder: ist es überhaupt möglich, die Ansprüche einer modernen Lebenswelt in der Schule zu erreichen?

Wissen der Schüler und Schülerinnen

Zweitens ist die Ausstattung und auch die Kenntnis (!) der Mehrheit der Schüler und Schülerinnen bei weitem nicht da, wo die Mehrheit glaubt, dass sie sind. Immer wieder muss ich feststellen, dass die “Generation Internet” definitiv nicht, den Computer oder sonstige technische Hilfsmittel “aus dem ff” beherrschen. Trotz Office-Management-Kursen und ständigem Einsatz scheitert es manchmal an den Grundlagen bzw. Grundfertigkeiten. Auch wenn immer mehr S/S mit Smartphones und Tablets ausgestattet sind, so ist der Umgang damit sehr schlecht. (Zitat 18jährige Schülerin: “wozu ist den eigentlich dieser App-Store da, jetzt habe ich mein IPhone schon über ein Jahr, aber braucht habe ich das noch nie!”)
Leider ist nicht nur das ein großes Problem, sondern auch die grundsätzliche Bereitschaft zum Erlernen neuer Dinge, die sicherlich immer komplexer sind, als das einfache Abarbeiten von “Rezepten”.

Deswegen meine Frage: Sind unsere Schüler wirklich gut vorbereitet auf die digitale Zukunft? Oder: Bilden wir unsere S/S nur

Bereitschaft zur Veränderung

Drittens und zu guter Letzt: Der Wille seitens der Schüler UND Lehrer sich mit etwas Neuem auseinanderzusetzen. Dabei fällt mir besonders bei den Lehrerkollegen und –kolleginnen auf, dass dies keine Frage des Alters ist, sondern quer durch alle Altersschichten und Fächerschichten ist! Ich kenne leider viele Junglehrer, die modernen Technologiemitteln sehr abgeneigt gegenüberstehen. Hier müsste dringendst in der Ausbildung der Lehrer und Lehrerinnen angesetzt werden.

Aber auch viele Schüler und Schülerinnen bedienen sich lieber der “Ausrede”, alles so machen zu wollen, wie es schon immer gemacht wurde. Denn eines steht fest: Ein modernes Arbeiten mit modernen Technologien ist am Anfang immer mit mehr Aufwand verbunden  bzw. ändert den kompletten Workflow. Hausübungen digital zu produzieren ist anders und verlangt andere Kompetenzen, Referate nicht als Vortrag, sondern als Podcast zu generieren ist aufwändiger, wenn man es noch nie gemacht hat. Plakate online gestalten bedarf einer Bereitschaft zu Experimentieren.

Deswegen meine Frage: Sollen/Können wir Lehrer wirklich neue(ste) Technologien in die Schule bringen oder sollen wir uns nicht doch wieder auf die alten, traditionsreichen Techniken zurückbesinnen?

Mathematik als aussterbendes Fach?

In meinem Fach Mathematik spüre ich die Veränderung durch moderne Technologien so intensiv wie sonst nirgends, da sich viele Dinge, die zu meiner Maturazeit noch knochenharte und stundenlange Arbeit darstellten, auf eine Bedienung von Maus und Keyboard vereinfachen lassen. Ein klassisches Maturabeispiel von vor 20 Jahren zur Wahrscheinlichkeitsrechnung ist heute nur noch eine Eingabe am Taschenrechner oder Computer.  Ein numerisches Integral ist heute eine Befehlszeile und musste früher mit sehr viel Know-how und mühseliger Rechenarbeit bestimmt werden!

Meiner Meinung nach verändern die modernen Hilfsmitteln gerade die komplette Schulmathematik in – so wie ich glaube – die richtige Richtung! Mathematik ist weit mehr als Rezepte zur Kurvendiskussion zu befolgen, Ableitungsregeln auswendig zu lernen oder in Standardnormalverteilungstabellen nachschlagen. Umso mehr fordere ich zum Umdenken von “rezeptartigen Aufgaben” zum eigenständigen, problemorientierten Denken! Der Schüler muss (!) trotz aller Technologien wieder seine Denkzentrale ins Spiel bringen! Die Aufmerksamkeit muss auf das Modellieren und Interpretieren gelenkt werden! Schema F Rechnung halte ich für nicht mehr zeitgemäß, stupide Einsetzübungen gehören aus den Schulbüchern verbannt! Offene Fragestellungen, echte und wirkliche (!) Praxisbeispiele (mit allen Ecken, Kanten und Ungereimtheiten) sollten 80% des Unterrichts ausmachen.

Denn sonst weiß ich auf die provokative Frage der Schülerinnen und Schüler keine Antwort mehr: “Wozu müssen wir denn das noch berechnen/lernen, wenn’s der Computer besser, schneller und richtiger kann?” Und noch einen Schritt weiter gedacht: Welche Berechtigung hat Mathematik als Hauptfach in der Schule, wenn es nur mehr aufs Eingeben von Befehlen und Zahlen beschränkt ist?"