Kurt Söser

HILFE, ich bin ein schlechter Lehrer!

black smile - quadrat

ODER: Warum es bei der neuen Lehrerbewertungs-App wirklich geht

Die Wogen im „Bildungsland“ Österreich schlagen seit ca. einer Woche hoch. Es gibt eine neue App, die ein ganz, ganz heikles Thema aufgebracht hat. Lehrer-Bewertung. Und alles was mit Schule und Lehrer und Schüler zu tun hat, wird in Österreich nicht nur von der Gewerkschaft massiv kommentiert, sondern auch die über 8 Millionen Bildungsexperten (die zeitgleich auch österreichischer Fußball-Teamchef sind) haben sich ihre Meinung dazu gebildet. (wer hier mal live zusehen will, wie Lehrer-Bashing in Österreich geht, der kann einfach mal auf die diversen Foren der Tageszeitungen bzw. in den Sozialen Netzwerken nachlesen)

Die App „lernsieg“ ist seit gestern nun „live“ und für Android und iOS downloadbar. Und natürlich habe ich mir es nicht nehmen lassen, die App zu installieren und gleich mal meine Bewertung als Lehrer zu finden. (ähnlich: Jeder sollte sich mindestens einmal im Jahr selber googlen). 

Meine Bewertung hat noch ein zu kleines „Sample“ (5 Bewertungen – Stand 16.11.), aber es zeigt sich, dass die App schon einigen Erfolg – auch dank der polarisierenden Medienberichterstattung – hat. 

Kurzinfo: Funktionsweise der App

Zuerst muss man sich als User  (und ich sag hier bewusst nicht „Schüler“!) bei der App anmelden, was über ein kostenloses (?) SMS geschieht, damit die eigene Telefonnummer „verifiziert“ wird. In der Datenbank der App liegen angeblich mehr als 90.000 Lehrer und Lehrerinnen aus ganz Österreich, zugeordnet zur Schule.

Als User kann man die gesamte Schule in 11 Kategorien und jeden Lehrer in 8 Kategorien mit 1 bis 5 Sternen bewerten. Gibt man weniger als 5 Sterne, werden Vorschläge dafür gemacht, was denn nicht „perfekt“ sei. (Diese Zusatzinfo wird aber bei der Gesamtbewertung nicht angezeigt, lediglich der Mittelwert der einzelnen Kategorien – siehe Screenshot.)

Man kann seine Bewertung für Schule und Lehrer auch jederzeit ändern. 

Es ist zwar grundsätzlich möglich, Lehrer aus einer anderen Schule zu bewerten, jedoch werden dann die Bewertungen aus der ersten Schule gelöscht.

 

Die App ist grundsätzlich sehr übersichtlich und selbsterklärend aufgebaut und auch einfach zu bedienen. 

 

 

Meine Kritik

Normalerweise halte ich mich ja bei solchen Diskussionen raus, ABER dieses Mal ist es einfach eine Steilvorlage für jemanden wie mich, der seit Jahren eben genau seinen Schülerinnen und Schülern (und in letzter Zeit immer öfter auch anderen Lehrern und auch Eltern klar) klar machen möchte, HINTER eine solche App, hinter die Mechanismen zu schauen und zu verstehen, dass Daten das „Gold des 21. Jahrhunderts“ sind!

Es geht mir persönlich um einen Aspekt, der in der breiten Diskussion überhaupt nicht vorkommt, nämlich die Sicht des App-Entwicklers und des Investors.

Der 17-jährige App-Entwickler Benjamin Hadrigan wird im Online-Artikel von futurezone vom 15.11.2019 zitiert:

 

„Der glücklichste Beruf ist laut Studien der Friseurberuf. Und warum? Weil Friseure sofort Feedback erhalten“, sagt der 17-jährige Benjamin Hadrigan heute gegenüber zahlreicher Journalisten. In diesen Genuss sollen seiner Meinung nach auch Lehrer kommen.

Hat ein Schüler ein schlechtes Verhältnis zu einem Lehrer, schade dies der Gesamtbewertung nicht, denn: „Die Summe machts aus“, so Hadrigan. Ist jedoch Allgemeinbewertung schlecht, so würden sich Lehrer motivieren, besser zu werden, meint er. Die besten Schulen und Lehrer werden dann in der App angezeigt.

Ich kann mir leider beim besten Willen nicht vorstellen, dass das der Beweggrund von Herrn Hadrigan ist, Sorry. Und überhaupt: Wie kommt das Feedback zum Lehrer? Eben, genau nur dann, wenn er selber die App benützt!

Aber es geht ja um was ganz anderes: 
Wie aus dem Bericht der „Presse“ vom 15.11.2019  hervorgeht, stecken hinter der App Investoren, die im sechstelligen (!) Bereich hier Geld fließen haben lassen! 

Fünfstellige Investitionssumme*
Benjamin Hadrigan wandte sich an die Agentur Ploner Communications. Innerhalb weniger Monate konnten Investoren gefunden werden, die insgesamt einen sechsstelligen Betrag investierten. Darunter auch ein bekannter österreichischer Wirtschaftstreibender. Namen wollte man bis dato keinen nennen. Das Geld ist größtenteils bereits reinvestiert. „Es gibt bereits Konzepte, wie die App monetarisiert werden kann. Werbung ist dabei aber nicht vorgesehen“, erklärt Philipp Peter Ploner. Die Pläne wolle man zu einem späteren Zeitpunkt präsentieren. Im Moment gehe es aber darum, den Schülern in Österreich und Deutschland die Möglichkeit zu geben, die Schwächen aber auch die Stärken des Lehrkörpers aufzuzeigen. 

 ACHTUNG: Ich weiß, dass Herr Hadrigan, die Millionen nicht bekommt, aber… 

*EDIT (19.11.2019): Das Investitionsvolumen liegt nicht wie ursprünglich angegeben im sechs- sondern im fünfstelligen Bereich.

Zweck der App: Datensammlung für Investoren!

Ich fange mal damit an, dass hier eine Datenbank mit allen Lehrerinnen und Lehrern aufgebaut wird. Gezielt. Ohne Zustimmung der Schule oder des betroffenen Lehrers. Es mögen Juristen entscheiden, ob das in Ordnung ist oder nicht, aber es geht darum, dass jetzt eine Datenbank mit allen Lehrerinnen und Lehrern zur weiteren Verwendung vorhanden ist. Das ist vielleicht noch nicht so „tragisch“, es wird halt im Laufe der Zeit zu einem Ranking der Schulen und der Lehrer kommen, ABER:

Es gibt ca. 1,1 Millionen Schülerinnen und Schüler in Österreich, wovon ein Teil hier diese App benutzen wird. Auch, wenn die Nutzung unter 10 Jahren „untersagt“ ist, sind das potenziell SEHR, SEHR viele Telefonnummern, die hier gesammelt werden, die im „Zeitalter der Daten und Statistik“ natürlich Gold wert sind! Welche Firma hätte denn nicht gern, Telefonnummern von Schülerinnen und Schülern?

Ich gehe noch einen Schritt weiter: Es wird ja nicht überprüft, ob das wirklich Schüler der Schule sind, d.h. es kann ja JEDER die App herunterladen und installieren (und bei Benutzung seine Telefon-Nummer weitergeben). Damit ist die Validität des „Samples“ sowieso nicht gegeben. Ich denke da z.B. nicht nur an Eltern, die sich hier ganz einfach in die Bewertung der Lehrer ihrer Kinder „einmischen“ können, sondern auch daran, dass natürlich mit ausreichend Kapital, das System manipuliert werden kann. (Stichwort: Klicks kaufen)

Aber wieder zurück zum Daten sammeln: Ja, es wird Juristen beschäftigen, ob das anonyme Datensammeln über Lehrer hier Rechtens ist, aber es geht um etwas anderes:

Gibt ein Schüler eine Bewertung für seine Schule ab, weiß ich als App-Betreiber, wo er zur Schule geht, d.h. der Bewertende ist eigentlich im Zentrum des Interesses! 

 

Fazit

Der größte Aufschrei müsste eigentlich nicht von den Lehrern/Schulen, sondern von den Schülerinnen und Schülern, von den Eltern kommen. Denn das ist, was diese App macht:

Es werden Telefonnummer gezielt gesammelt und mit einfachen, statistischen Analysen ausgewertet! Diese Daten sind ein Goldschatz für jeden Investor!

Eigentlich muss man ja dem jungen Herrn Benjamin Hadrigan gratulieren, dass er mit seiner App es schafft, dass hunderttausende Menschen kostenlos ihre Telefonnummer preisgeben und durch die Medien erhält er auch noch kostenlos Werbung dafür!

Ich hoffe, es ist ihm wenigstens bewusst…

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/c/ce/Fsa09%2C_Datenkrake.jpg
11 Comments
Kurt Söser 19. November 2019
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Update:
über 16.500 Bewertungen von Schulen bedeutet:
in vier Tagen sind (mindestens) 16.500 Handynummer gesammelt worden...

Kurt Söser 19. November 2019
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Seit gestern ist die App "offline" (https://www.derstandard.at/story/2000111188618/wegen-hassnachrichten-umstrittene-lehrer-bewertungsapp-offline)    Ich wage ein paar Prognosen: - App kommt nicht wieder...  - Ministerium baut in Kürze eine eigene App, die a) grottenschlecht, b) potthässlich ist und c) von noch weniger Schülern verwendet wird.  - Herr Hadrigan wird durch sämtliche Medien "gereicht" und als "Opfer" dargestellt. - Sein Buch "Lernsieg" verkauft sich weiterhin prächtig. - Das muntere Lehrerbashing geht weiter, nach dem Motto: "Lehrer haben einen armen Schüler mit Hasspostings" gemobbt.

Kurt Söser 16. November 2019
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Ich ergänze noch etwas als Kommentar:Man stelle sich folgende Situationen vor: 1) Microsoft (ja ich hab da ein gewisses "Naheverhältnis", stehe aber nicht auf der payroll) oder Google oder ... hätte diese App herausgebraucht...90.000 Lehrerinnen und Lehrernamen schön zugeordnet zum Dienstort.  2) Es gibt eine ähnliche App, bei der ich Polizisten (nach Dienstort sortiert) bewerten kann. z.B.: Wenn ich eine "Anhaltung" wegen zu schnellen Fahrens gehabt habe. 3) Das Bildungsministerium hätte so etwas schon vor 5 Jahren in Angriff genommen und "sauber" /z.B. mit one-time-pads) abgebildet.

Florian 16. November 2019
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ok boomer

Markus KEREKI 16. November 2019
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Schade ist eigentlich, dass wir im 21. Jahrhundert unser ganzes Wissen, die Technik und den Fortschritt leider immer wieder nur den monetären Werten, den Kapitalismus verschreiben. In-App Käufe, LootBoxen nicht zuletzt eben die DATEN-Analysen die viel Geld wert sind. Wieso kann man nicht etwas schaffen, was jedem was bringt? Konstruktives Feedback ohne Datensammelei etc.?   Weiters wie kann man, ohne fundiertem Hintergrundwissen (deskriptive Statistik etc.) diese Ergebnisse lesen? Natürlich werden sich auch Eltern die „Ergebnisse“ ansehen.   Dennoch, persönlich würde ich mich über konstruktive Kritik freuen, da ich glaube, dass solche Wege eher von den Schülern genutzt werden als die vom Ministerium via QIBB.